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Für eine Rückkehr zur Erde

Prof. Dr. Dominique Bourg – em. Professor für Philosophie an der Uni. Lausanne, Spezialist für ökologische Theorie

Dr. Sophie Swaton, AO Professorin für Wirtschaft an der Uni Lausanne

Dr. Pablo Servigne, Agronom und Autor diverser Aufsätze über die ökologische Transition und den Zusammenbruch (Kollaps)

Dr. Gauthier Chapelle : idem

Dr. Xavier Ricard, hoher Beamter im Finanzministerium, Anthropologe

Philippe Desbrosses, Vordenker auf dem Gebiet der biologischen Landwirtschaft

Prof. Dr. Johann Chapoutot, Historiker, Professor an der Sorbonne

 

 Für eine Rückkehr zur Erde[1]

 

Abstrakt

 

Hitzewellen und Trockenheiten, Feuersbrünste, der steigende Meeresspiegel, die Zerstörung der Böden, das Wegsterben ganzer Populationen von Gliederfüßern und anderen Insektenarten usw.; Die Signale für eine hochgradige Verschlechterung des Systems « Erde » nehmen immer weiter zu. Aber sie scheinen uns nicht direkt und hautnah zu betreffen.

Dieses Mal aber ist Covid-19 stark genug, um uns ganz persönlich und kollektiv zu erschüttern, indem er tödliches Chaos verbreitet und die Weltwirtschaft lähmt. Etwas, das alle für unmöglich gehalten haben, ist für fast alle Länder der Erde zur Realität geworden: ein teilweiser Stillstand der Wirtschaft.

Aber diese Verschlechterungen resultieren nun gerade aus dem energetischen und materiellen Charakter unserer gegenwärtigen Lebensweise und daraus, wie diese in unterschiedlichste und entlegene Gegenden vordringt. So ist die Ursache für diese Pandemie bei einer Fledermausart zu suchen, die gezwungenermaßen in menschlichen Lebensraum eingedrungen ist, weil ihr eigener zerstört worden ist.

In diesem Sinn hört sich die von Covid-19 hervorgerufene Krise wie ein Signal an und vielleicht ist es das letzte, das wir von der lebenden Natur erhalten, um unsere Lebensweise radikal zu ändern. Und zwar nicht morgen sondern jetzt. Es geht also darum, weniger (Mäßigkeit) und besser (Leistungsfähigkeit) zu produzieren, damit unsere Wirtschaft sich an die vom Planeten gesetzten Grenzen anpasst und nicht mehr destruktiv ist sondern regenerativ wird.

Der Staat muss seine Rolle so verstehen, dass er die öffentlichen Werte und Güter schützt, indem er den Gedanken der Dienstleistung für die Öffentlichkeit wieder zum Leben erweckt und die demokratischen Verfahren verbessert.

Dieses Manifest benennt drei große konkrete Maßnahmenpakete, die grundlegende Veränderungen unserer Wirtschaft und den Formen unserer Demokratie auf nationaler und internationaler Ebene zum Ziel haben.

Die Vorschläge für die Wirtschaft (18) haben das Ziel, die zerstörerische Kraft unserer Aktivitäten und der damit einhergehenden Lebensweise zu verringern. Sie sind bestrebt, dieses Ziel auch mit einer qualitativen Verbesserung des Wohlergehens und der sozialen Gerechtigkeit in Einklang zu bringen, die darauf beruht, allen Menschen die gleiche Würde zuzugestehen. All diese Überlegungen zwingen uns dazu, unsere Lebensweise zu ändern, indem wir uns jener Indikatoren wie des ökologischen Fingerabdrucks und der Quoten des individuellen Konsumverhaltens bedienen, mit denen wir die zerstörerische Kraft unserer Lebensweise messen und eindämmen können. Die Herausforderung besteht darin, den Konsum in einem bestimmten Gebiet schrittweise zu verringern, denn schließlich ist hauptsächlich die Höhe des Konsums dafür verantwortlich, wenn die Erde unbewohnbar wird. Zu diesen wirtschaftlichen Maßnahmen gehört auch die nötige « Verbäuerlichung » (empaysannement) der Landwirtschaft und die Aufhebung der Einschränkungen für bäuerliches Saatgut, wobei die Ökolandwirtschaft im Rahmen eines Wirtschaftsmodells massiv unterstützt werden soll, mit dem Arbeitsplätze und sozialer Reichtum geschaffen werden. Das heißt auch, dass sich die Rolle der Firmen ändern muss hin zu einer sozialeren, solidarischeren Wirtschaft, dass der Staat bei der Zentralbank direkt Anleihen aufnehmen kann und dass Banken verstaatlicht werden.

In zweiter Linie werden Maßnahmen vorgestellt, die sich eher auf den Verwaltungsapparat beziehen (7) und vor allem die Schaffung einer dritten Kammer vorsehen, die sich mit der langfristigen Entwicklung befasst sowie die Umwandlung des Senats in eine Kammer der Bioregionen. Diese Maßnahmen bedeuten die Einführung eines Resilienz-Staates und machen eine Reform der Stellung von Abgeordneten und Beamten erforderlich.

Und schließlich gibt ein dritter Maßnahmenkatalog (10) eine internationale Antwort auf den gesundheitlichen und ökologischen Notstand und schlägt die Schaffung eines Kartells von Ländern vor, die sich sehr solidarisch für eine auf das Leben gerichtete Politik und ein gemeinsames Programm für einen ökologischen Fingerabdruck von weniger oder gleich 1 Planeten stark machen. Dieser Maßnahmenkatalog zielt auf strukturelle Veränderungen auf globaler Ebene, wobei die staatliche ökologische Politik verschiedener Länder koordiniert wird: die Löschung der Staatsschulden und der schrittweise Aufbau einer internationalen Strategie für eine ökologische Annäherung auf der Grundlage der Deglobalisierung des Handels.

Selbstverständlich könnten einige der von uns vorgeschlagenen Reformen sofort umgesetzt werden. Andere brauchen mehr Zeit. Wie z.B. die Umstrukturierung des internationalen Handels und die Deglobalisierung. Und schließlich erfordern andere Maßnahmen wie die Festsetzung einer Höchstgrenze für den Konsum und der Abbau von Ungleichheiten eine dynamische und schrittweise Umsetzung. Alle Maßnahmen und jede auf ihre Weise haben das Ziel, die strukturellen Änderungen unserer demokratischen und Wirtschaftsinstitutionen zu unterstützen, damit unsere Zivilisation einen neuen Kurs verfolgen kann. Auch wenn sie scheinbar sehr technisch anmuten, verfolgen sie vor allem das Ziel die zerstörerischen Ströme einzudämmen und die Gesellschaft zu befrieden, indem sie der tatsächlichen oder symbolischen Tötung der Schwächsten Einhalt gebieten (denen der überall vorherrschende Wettbewerb keine Überlebenschance einräumt), den Krieg gegen die Natur beenden (durch Pflanzenschutzmittel, Bergbau, übermäßige Anthropisierung usw) und schließlich die Beziehung zum Leben wieder als Basis jeder Form von Zivilisation einrichten, die diesen Namen verdient.

Mit einem Wort: Wir schlagen vor, aus dem Planeten Erde nicht den Planeten Mars zu machen.

[1] Text übersetzt von Franka Günther. Übersetzerin und Direktorin des Festivals : Weimarer « Rendez-vous »  mit der Geschichte.